Zivilcourage


Begrüßungsworte auf der Veranstaltung mit

Herrn Prof. Dr. Singer zum Thema:

"In der Schule Zivilcourage wagen?"

am 17. April 2008 in Rosenheim


Verehrte Anwesende,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu unserer Gemeinschaftsveranstaltung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und der Privatschulen Dr. Kalscheuer. Und ganz besonders begrüße ich Herrn Prof. Dr. Singer aus München, der heute zu dem Thema "In der Schule Zivilcourage wagen? Lehrer, Eltern und Schüler entdecken eine demokratische Tugend" zu uns sprechen wird.

Ich persönlich empfinde es als großes Glück, Herrn Prof. Singer heute unter uns zu haben. Er lehrte als Professor für Pädagogische Psychologie und Pädagogik mit Schwerpunkt Lehrerausbildung an der Ludwig-Maximilians-Universität München und als Dozent und Lehranalytiker an der Akademie für Psychoanalyse. Er ist Psychotherapeut sowie Leiter von Supervisionsgruppen und Mitbegründer der Bürgerinitiative Aktion Humane Schule Bayern.

Zu unserem heutigen Thema legte er 2003 das Buch vor "Zivilcourage wagen. Wie man lernt sich einzumischen". Ich darf behaupten, dass Prof. Singer wie kein Zweiter in Bayern Zivilcourage zu dem zentralen Thema seiner Forschungen gemacht hat. An unserer Schule leitet er seit über 10 Jahren eine Supervisionsgruppe, die sich alle 6 - 8 Wochen trifft und pädagogische und psychologische Probleme des Schulalltags bespricht.

Mit Prof. Singer begrüßen wir eine Persönlichkeit, die das, was sie lehrt, auch persönlich umsetzt. So schwimmt er seit Jahrzehnten unbeirrt gegen den Strom einer Schulpolitik, nach der bildungspolitsche Entscheidungen nicht am Wohle des Kindes orientiert sind, sondern von einem Sparstift diktiert werden, der den Kindern und auch uns Lehrern größte Probleme bereitet.

Prof. Singer eröffnet seine Homepage mit der Feststellung und Forderung: "Kinder brauchen eine humane Schule" und er formuliert weiter: "In ihr können sie ihre persönliche Leistungsfähigkeit und ihre ganze Person entwickeln." Er tritt ein für die Würde des Schülers und fordert dazu auf, mehr Demokratie in der Schule zu wagen.

Für das Wagnis von mehr Demokratie wurde auch der frühere Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt bekannt, der einmal sagte: "Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht weit." Wo der Druck so groß ist, dass Zivilcourage sich nicht mehr entwickeln kann, herrscht keine Demokratie mehr. Um so mehr Respekt verdienen Mensch wie die Widerstandskämpferin der "Weißen Rose" Sophie Scholl, die äußerte: "Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben. Dazu brauchen wir einen harten Geist und ein weiches Herz. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur suchen wir sie zu wenig."

Heute wird unter Zivilcourage das Auftreten gegen die herrschende Meinung verstanden, mit dem der Einzelne, ohne Rücksicht auf sich selbst, soziale Werte oder die Werte der Allgemeinheit vertritt, von denen er selbst überzeugt ist. Zivilcourage bedeutet sichtbaren Widerstand aus Überzeugung und Maxime.

Zivilcourage hat in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert. Wir werden kaum jemand finden, der Menschen, die Zivilcourage an den Tag legen, nicht bewundert. Und dennoch finden wir sie eher selten, obwohl sie unser Leben doch so bereichern würde. Zivilcourage würde uns vor Angriffen auf unsere Menschenwürde schützen. Sie gäbe uns ein Stück Freiheit zurück, das wir in unseren Arbeits- und allgemeinen Lebensverhältnissen oft verloren haben. Und doch scheuen wir, bedingt durch vielerlei Ängste, oft davor zurück.

So wäre doch die Schule der ideale Ort, um die Tugend der Zivilcourage zu erlernen. Aber gerade dort, so stellt Prof. Singer in seinem Buch zum Thema fest, ist "wenig ziviler Mut anzutreffen". Wie sich dies ändern ließe, wird uns Prof. Singer - so denke ich - gleich in seinem Vortrag vor Augen führen.

Lassen Sie mich aber zum Schluss noch ein Musterbeispiel von Zivilcourage erzählen, das im Handeln einer meiner Schülerinnen kurz vor Weihnachten sichtbar wurde.

Es ist Mittwoch, der 17. Dezember. Unsere Schülerin der Klasse 10c Kim Wanschka steht an einem Glühweinstand im Lichterhof von Karstadt. Draußen ist es seit Stunden dunkel, denn es ist 21 Uhr. Da sieht sie, wie ein kleines Mädchen einen offenbar ihr fremden Mann anspricht und hört , wie sie sagt: "Ich hab Durst und ich mag den Kinderpunsch so gerne." Zunächst denkt Kim noch, es sei vielleicht ihr Vater oder ihr Onkel. Aber aus den Reaktionen ist bald erkennbar, dass der Erwachsene nicht zu dem Kind gehört.

Und jetzt tut Kim etwas, das sicherlich nicht jeder gemacht hätte. Sie spricht das Kind an, das ganz offensichtlich ganz allein in der seit Stunden dunklen Stadt ist. Bald stellt sich heraus, dass das kleine Mädchen erst 9 Jahre alt ist und auf die Frage, wo denn ihre Eltern seien, sagt sie: "Die sind zu Hause und es ist ganz egal, wann ich heimkomme!" Auf genaueres Nachfragen fängt das Mädchen an zu weinen und erzählt, dass es zu Hause oft Schläge bekomme und viel allein sei.

Inzwischen sind auch andere Gäste des Glühweinstands auf die Situation aufmerksam geworden und es wird gemeinsam überlegt, was getan werden könnte, um dem Mädchen zu helfen. Man sieht als einzige momentane Lösung, das Kind nach Hause zu bringen. Je näher sie der Wohnung kommen, desto nervöser wird das Kind und fängt schließlich erneut an zu weinen und beginnt sich zu sträuben, nach Hause zu gehen. Aber man sieht keine andere Möglichkeit, um das Kind vor den Gefahren der Nacht zu schützen.

Zu Hause angekommen ist die Mutter überglücklich, dass ihr Kind wieder daheim ist, möchte aber auf keinen Fall Polizei oder Jugendamt eingeschaltet wissen.

Kim lassen die Geschehnisse nicht ruhen, denn ihr ist klar, dass die problematische Situation für das Mädchen noch lange nicht bereinigt ist. Am nächsten Morgen kommt sie gleich zu mir und berichtete, was vorgefallen ist und fragt, was man jetzt noch tun könne.

Es war klar, dass hier sofort das Jugendamt eingeschaltet werden musste. Noch am Vormittag machten wir uns zusammen auf den Weg. Dort war die Familie bislang noch nicht aufgefallen und die zuständige Sozialpädagogin versprach, sofort der Sache nachzugehen. Später erfuhren wir dann, dass das Kind zunächst eine Tagesmutter bekam, weil ihre eigentliche Mutter tagsüber arbeiten musste. Als einige Wochen später ein Platz in einem Hort frei wurde, konnte sie dort untergebracht werden. Die Sozialpädagogin begleitet jetzt die Verhältnisse und hält ein Auge darauf, dass das Kind unter Aufsicht ist.

Was Kim hier an den Tag gelegt hat, ist eindeutig Zivilcourage. Sie hätte gar nicht auf das Kind achten brauchen und ihrem eigenen Amüsement nachgehen. Aber bei ihr regte sich Mitleid mit einer Hilfsbedürftigen. Es entwickelte sich spontan ein Verantwortungs-gefühl der Älteren der Jüngeren gegenüber. Und sie zögerte nicht zu handeln, und zwar solange zu handeln, bis ihr Gewissen wieder Ruhe gefunden hatte.

Und ich habe mir später gedacht, was kann ein Deutschlehrer mehr erreichen als dass Schüler die Handhabung der Sprache und das soziale Wissen aus dem Unterricht zum rechten Zeitpunkt im wirklichen Leben einsetzen, um anderen helfen zu können.

Solche Menschen wie Kim Wanschka braucht unsere Gesellschaft und wir haben die Aufgabe, ihr nachzueifern.

Prof. Singer zitiert in seinem Buch die Lyrikerin Ingeborg Bachmann, die bei zivilcouragierten Menschen von "Sternen der Hoffnung" spricht.

Prof. Singer wird uns jetzt helfen, dazu beizutragen, dass am Himmel bald viele Sterne der Hoffnung leuchten werden.