Meinungsaustausch zum Thema Sitzenbleiben


Leserbrief Andreas Salomon 2.3.2013

Sitzenbleiben abschaffen!

Über dem Eingang einer finnischen Schule fanden Besucher den Satz: "Kein Kind darf verloren gehen." In unserem nordischen Nachbarland gibt es kein Sitzenbleiben mehr und die PISA-Sieger fahren sehr gut damit. Auch in Deutschland reift zunehmend die Einsicht, das Sitzenbleiben abzuschaffen.

Der Leistungsabfall eines Schülers - oft in der Pubertät - hat in aller Regel erkennbare Ursachen. Frühzeitig muss in jedem Einzelfall Klärung erfolgen und frühzeitige Hilfe organisiert werden. Eltern, Lehrer und auch die Schüler selbst sind gefragt zu handeln. Meist sind es ja nur wenige Fächer, in denen Probleme auftreten. In Finnland wird den betroffenen Schülern in Kleingruppen kostenlose Nachhilfe angeboten. Manchmal lockern sich aber Lernblockaden schon, wenn häusliche Probleme, die die Kinder belasten, eine Lösung erfahren oder durch persönliche Zuwendung der Lehrkräfte begehbare Wege gefunden werden. In Einzelfällen kann auch ärztliche Hilfe sinnvoll sein bzw, die Unterstützung durch Psychologen und Therapeuten. Schüler sitzenbleiben zu lassen ist eine pädagogische Bankrotterklärung. Diese Maßnahme ist Ausdruck des Unvermögens, dem betroffenen Kind rechtzeitig geholfen zu haben. Allein schon die Gefahr des Sitzenbleibens am Ende des Schuljahres produziert unnötige Ängste, die den Leistungsabfall noch verstärken. Zu Hause gibt es bei jeder neuen schlechten Note dann auch noch Zank und Streit, Strafen werden verhängt und unbeschadet davon nimmt die drohende Katastrophe ihren Lauf, ja nimmt durch den Stress zu Hause erst richtig an Fahrt auf.

Schüler sitzenbleiben zu lassen ist eine teure disziplinarische bildungspolitische Maßnahme des Staates, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Pädagogisch sinnvoll ist diese Vorgehensweise nicht und human schon gar nicht. Das bayerische Schulsystem ist auf Aussortierung und Abstieg programmiert, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Sinnvoll wäre es aber, niemanden zurückzulassen, niemanden zu demütigen und zu kränken und keinen zu zwingen, ein Jahr wiederholen zu müssen.


Antwort von Helmut Pritschet

Es ist immer das Gleiche: Es gilt, die eigene Ideologie durchzusetzten, da setzt man Scheuklappen auf, um von Gegenargumenten nicht verunsichert zu werden, da verwendet man in der Argumentation absolute Formulierungen wie "alle" , "keiner", "muss" oder "darf nicht", da werden mit einer falschen Logik Schlüsse gezogen, da verschweigt man Alternativen und Folgen werden einfach ignoriert. Auf die gleiche Weise wird der Einsatz für die Gesamtschule zu einem fundamentalistischen Gesamtschulismus.

Wie unseriös Gesamtschulbefürworter gegen jegliche Erkenntnistheorie verstoßen, möchte ich hier an einem häufig zitierten Beispiel zeigen:

Wenn zwei Kennzeichen A und B korrelieren

  1. kann A eine Folge von B sein.
  2. Es kann aber auch umgekehrt B eine Folge von A sein.
  3. Beide können aber auch völlig unabhängig voneinander sein.
  4. Oder beide sind von einem dritten Faktor C abhängig.

Welcher Zusammenhang besteht nucn zwischen Gesamtschulen in Skandinavien und den Pisa-Ergebnissen?

  1. Die Pisa-Ergebnisse sind in den skandinavischen Ländern, in denen es Gesamtschulen gibt, gut ausgefallen. Die GEW zieht mit dem Slogan "Von den Siegern lernen" den Schluss, dass die Gesamtschulen Ursachen für die guten Pisa-Ergebnisse sind. Wäre dies der Fall, könnte man mit dem gleichen Recht mit dem Schlagwort "Von den Verlierern abschrecken lassen" gegen die Gesamtschulen argumentieren, immerhin sind Berlin und NRW mit ihren Gesamtschulen im unteren Bereich der Tabelle zu finden.
  2. Nicht selten berichten Skandinavien-Reisende begeistert von der menschenfreundlichen Atmosphäre in diesen Ländern. Gäbe es diesen Menschenschlag bei uns öfter, würde es den Reisenden nicht auffallen. Man könnte folglich auch zu dem Schluss kommen, dass sich Finnland und Schweden wegen ihrer motivierten Schüler Gesamtschulen leisten kann.
  3. Für die schlechten Pisa-Ergebnisse in Deutschland spielt es sicher auch eine Rolle, dass viele unserer unmotivierten Kinder nur durch Notendruck zu besonderen Leistungen zu bewegen sind. Fehlt der Notendruck oder die Sorge vor dem Durchfallen, tun die Kinder nichts.
  4. Pisa-Sieger sind Länder wie Kanada, Australien oder Skandinavien. Das sind alles Länder mit einer geringen Bevölkerungsdichte. Auch innerhalb Deutschlands schneiden Länder mit einer geringen Bevölkerungsdichte besser ab. Eigentlich schaut es doch so aus, als sei nicht das Schulsystem für die Pisa-Ergebnisse verantwortlich, sondern ganz andere Faktoren wie die Bevölkerungsdichte. Lehrer aus dem Bayerischen Wald wissen zu berichten, dass menschenleere Waldgebiete beruhigend aufs Gemüt und den Unterricht wirken. Eine Enge wie in unseren Ballungsgebieten führt nicht nur bei Ratten zur Aggressivität. Mir wurde von Münchner Großbetrieben berichtet, die wegen der mangelnden Motivation keine Azubis aus der Stadt, sondern nur noch aus der Region nehmen. Finnland würde mit jedem Schulsystem gut abschneiden und in Ballungsgebieten helfen nicht einmal Gesamtschulen.

Beim Thema Sitzenbleiben wird ähnlich schludrig argumentiert:

"Kein Kind darf verloren gehen", zitiert Salomon finnische Pädagogik. Klar, beim Klassenausflug darf keiner verloren gehen. Was ist aber zu tun, damit keiner verloren geht?

  • Man teilt die Kinder in Leistungsklassen, damit jeder in seinem ihm angemessenem Tempo marschieren kann. Beim Sport, bei Kursen aller Art, werden die Teilnehmer in möglichst homogene Gruppen aufgeteilt, damit man jedem gerecht werden kann. Da fühlt sich keiner beschämt, wenn er in der C-Klasse Fußball spielt. Nur der Gesamtschulismus verpönt diese Maßnahme als "Trennung von Spreu und Weizen". Selbst Gesamtschulen trennen in Leistungsgruppen, der eine lernt Integralrechnung, der andere bleibt bei der Prozentrechnung stecken. Im Berufsleben geht es weiter, der eine bekommt eine attraktive Lehrstelle, der andere nicht, der eine macht Mikro-, der andere Kartoffel-Chips. In Berlin und Hamburg, wo die von der GEW propagierte Gesamtschule die Regelschule ist, wird tatsächlich die Spreu vom Weizen getrennt, dort schicken die Besserverdiener, denen an einer guten Schulbildung liegt, ihre Kinder auf private Gymnasien. Dies ist umso mehr verwunderlich, als es ein Anliegen der GEW ist, dass nicht nur die Kinder der Reichen eine gute Schulbildung bekommen.
  • Damit keiner verloren geht, bestimmt der Langsamste das Tempo. Dann geht aber das Potential der Schnellsten verloren. Ist es wirklich in unserem Sinne, Schüler, die beim Lernfortschritt mit dem ICE fahren können, in die Bimmelbahn zu setzen?
  • Die dritte Möglichkeit, niemanden zurück zu lassen, besteht darin, den langsamen Schülern zu helfen. Und hier zeigt sich die Unredlichkeit der Salomonschen Argumentation, er weiß zwar, dass das Sitzenbleiben teuer ist, erwähnt aber nicht, dass die von ihm vorgeschlagenen Hilfen wesentlich mehr kosten, besonders dann, wenn sie wie in Finnland, für die Eltern kostenlos sind.
Salomons Leserbrief suggeriert, dass das Sitzbleiben die Schüler demütigt und die Schule versagt hat. Er verschweigt, dass es für viele Kinder eine Chance zum Neuanfang bedeutet und dass viele Schüler Hilfen gar nicht annehmen wollen. Mit dem Begriff "demütigen" kann man ja sehr gut Propaganda für einen -ismus machen.

Das Problem liegt meines Erachtens ganz wo anders: Lehrer mit längeren Berufserfahrung berichten übereinstimmend, dass sie Schulaufgaben, die sie vor vielen Jahren geschrieben haben, heute nicht mehr gehalten werden können, weil sie zu schlecht ausfallen würden. Und dies nicht, weil die Schüler dümmer würden, sondern weil die Leistungsbereitschaft sinkt. Dafür steigt sie Erwartungshaltung an die Schule. Viele Schüler wollen sich nicht anstrengen, aber Alles auf dem Silbertablett serviert bekommen. Die letzte Motivation mehr zu lernen, ist für Viele das Bestehen des Klassenziels. Für viele Lehrer ist die drohende Wiederholung der Klasse das letzte Mittel, Disziplin zu halten. Und genau dieses Mittel soll jetzt wegfallen. Und wenn ein Schüler nicht die Noten zum Durchkommen oder zum Übertritt bekommt, zweifeln manche Eltern nicht die Motivation des Kindes an, sondern beauftragen einen Rechtsanwalt, der die Sache richten soll. Ist es tatsächlich im Sinne der GEW, dass deshalb das Sitzenbleiben abgeschafft werden soll, weil man vor denen einknickt, die sich einen Rechtsanwalt leisten können?

Mir ist ein Fall einer Schule bekannt, in der das Sitzenbleiben nicht offiziell aber de facto abgeschafft wurde. Unterricht mit dem Ziel eines mittleren oder höheren Abschlusses ist dort nicht mehr möglich. Kein Wunder, dass das durchschnittliche Verfallsdatum der Lehrer weit unter 60 Jahren liegt. Dabei frage ich mich, wer die Lehrer in so einer Situation unterstützt, die GEW offenbar nicht, der geht es offenbar nur um die Würde der Schüler. Lieber sendet man das falsche Signal, indem man im Fall des Sitzenbleibens vom "Unvermögen" der Schule spricht.

Die Kinder sollen nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Und so erscheint es mir zweifelhaft, ob man die Kinder wirklich aufs Berufsleben vorbereitet, wenn ihnen der Eindruck vermittelt wird, dass sie immer wieder aufgefangen werden. Es gibt schon genügend junge Leute, die bei den geringsten Problemen ihre Berufsausbildung abbrechen, weil sie an der Schule nicht ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz erworben haben.

Es ist klar, dass man mit der Forderung, das Sitzenbleiben abzuschaffen, die Zustimmung vieler Eltern erreicht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es einer mittleren Katastrophe gleich kommt, wenn sich abzeichnet, dass das Kind wiederholen muss. Die Schüler selbst sehen das anders, ein Großteil spricht sich für das Sitzenbleiben aus, wahrscheinlich weil sie wissen, dass sie ohne Druck nicht lernen würden und weil ihnen nicht geholfen ist, wenn ihnen alle Hürden aus dem Weg geräumt werden. Befürworter der Abschaffens, Otto Herz, meint dazu: "Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihre Metzger selber." Die Frage muss gestattet sein, was das für ein Pädagoge ist, der 80% der Schüler mit den allerdümmsten Kälbern vergleicht.

Was will man als Nächstes abschaffen, damit keiner beschämt oder gedemütigt wird? Noten? Abschlussprüfungen? Soll die Zukunft etwa so aussehen: Diejenigen, die für die Arbeitswelt geeignet sind, erwirtschaften das Bruttosozialprodukt und der Rest bleibt bis zur Promotion in der Ausbildung, um dann schließlich Reformpädagoge zu werden.