Franziska Gräfin zu Reventlow


Besuch der Ausstellung

"Alles möchte ich immer

- Franziska Gräfin zu Reventlow 1871 - 1918"

im "Haus der Literatur" München

Bericht: Lothar Walter

GEW Rosenheim im Münchner "Haus der Literatur"

Zum letztmöglichen Termin vor Ausstellungsende noch eine Führung gebucht - so trafen sich mit Kreisvorsitzenden Andreas Salomon ein gutes Dutzend an Literatur interessierte GEWler Samstag Nachmittag am Rosenheimer Bahnhof. Uns angeschlossen hatten sich drei Damen eines privaten Literaturzirkels aus Stephanskirchen. Im Literaturhaus angekommen erfuhren wir, dass die Ausstellung verlängert wurde.

Zeit war genügend, so dass sich jede/r schon vor Beginn der Führung mit der Ausstellung vertraut machen konnte. Diese ist biografisch ausgerichtet und gliedert sich in die vier Lebensabschnitte bzw. Lebensorte Husum: Kindheit, Lübeck: Jugend, München: Die Bohème als Lebensmodell und Ascona: Rückzug und Tod. Neben Originaldokumenten (z. B. des Buddenbrookhauses in Lübeck und der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel) war die Ausstellung mit audio-visuellen Medien gut ausgestattet: Viele Fotographien, auch Großfotos, Hörstationen und auch ein Film des Bayerischen Rundfunks (15 Minuten) mit dem Sohn der Reventlow (1897 - 1984).

Die einstündige Führung leitete Frau Katrin Wilhelm, eine Germanistik-Doktorandin.

Fanny, so wurde Franziska genannt, wuchs in einer Familie des uralten schleswig-holsteinischen, aber verarmten Adels auf. Nach einer lieblosen Kindheit und einer reglementierten Jugend gelang ihr ein Ausbruch aus den beengenden Verhältnissen: Statt auf eine "gute Partie" zu warten, ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden. Das sollte später für sie zum Vorteil werden, durfte sie so ihr uneheliches Kind allein erziehen und unterrichten; eingedenk ihrer eigenen leidvollen Erfahrungen ersparte sie ihrem Sohn Rolf die Schulzeit.

Freiheit ohne Tabus, Freizügigkeit, Liebschaften - selbstbestimmt, so wollte sie leben. Ihr Milieu fand sie in der Schwabinger Bohème, zu deren Symbolgestalt sie wurde. Der Preis dafür war ein ständiger Existenzkampf, Krankheiten, Prostitution und zeitweilige Depression. Mit dem Rückzug nach Ascona in einer Scheinehe mit einem adligen russischen Trinker fand sie gewisse finanzielle Sicherheit. Ihr Ende kam schnell: Sie starb an den Folgen eines Fahrradunfalls. Malerin wollte sie werden, doch als Schriftstellerin und Kultfigur einer untergegangenen Epoche erlangte Franziska zu Reventlow Berühmtheit. Sie schrieb Skizzen, Romane, lebendige Schilderungen des Münchner Lebens in Schwabing von der Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg. Dabei skizzierte sie die Personen ihrer Umgebung in ironisch-kritischer Distanz. Sie hatte auch Kontakt zur Frauenbewegung, z. B. zu Anita Augspurg, lehnte aber deren politische Forderungen nach Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit ab. Sie wollte Frau sein und beanspruchte alle Freiheiten, die sich in ihrer Zeit nur Männer herausnehmen konnten.

Am Ende der einstündigen Führung blieb kaum mehr Zeit für einen vertiefenden individuellen Rundgang. Kreisvorsitzender Salomon drängte zur Eile. Zunächst war aber nicht klar, ob die Rückfahrt am näheren Ost- oder ferneren Hauptbahnhof beginnen sollte. Dank der Unschlüssigkeit wurde schließlich die Zeit zum Ostbahnhof zu knapp, so dass die Gewerkschaftsgruppe doch zum Haupbahnhof fuhr. Da war aber wiederum reichlich Zeit für eine Einkehr ins Cafe. Vier Stunden an einem Samstag Nachmittag ab und bis Bahnhof Rosenheim bei günstigem Gruppentarif für Fahrt, Eintritt und Führung - ein kurzweiliger, geselliger Tag, der allseits zufriedene Gesichter bescherte und nach Wiederholung drängt.