Räterepublik 09


Auf den Spuren der Kolbermoorer Räterepublik

Ein historischer Rundgang mit Andreas Salomon von der GEW

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Kreisverband Rosenheim) führte anlässlich der bayernweiten Feierlichkeiten zum Gedenken an die Räterepublik vor 90 Jahren einen historischen Rundgang durch Kolbermoor durch, um die Erinnerung an diese Zeit wachzuhalten und der in Kolbermoor ermordeten Opfer, Georg Schuhmann und Alois Lahn, zu gedenken.

Andreas Salomon, der Kreisvorsitzende der GEW, konnte für die fast zweistündige Führung zahlreiche Besucher von nah und fern begrüßen, worunter sich auch eine größere Gruppe von Freidenkern befand, die extra aus München angereist waren und Blumen mitbrachten, die sie an den Gräbern sowie bei der Gedenktafel an der Tonwerksunterführung niederlegten.

Salomon gab zunächst in der Schuhmannstraße einen Überblick über die Kolbermoorer Geschichte, wobei er den Schwerpunkt auf die Entwicklung und Organisation der Arbeiterbewegung legte, um sichtbar zu machen, aus welchen Wurzeln die Kolbermoorer Räterepublik sich entfalten und soviel Zustimmung finden konnte.

1863 nahm die Baumwollspinnerei ihren Betrieb auf und bereits zwei Jahre später zählte man in Kolbermoor schon über 1000 Einwohner. Allerdings waren die Arbeiter, Taglöhner, Gesellen und Dienstboten von der Mitbestimmung in kommunalen Fragen ausgeschlossen. Die politischen Angelegenheiten wurden weitgehend von der Direktion der Baumwollspinnerei geregelt. Aber schon 1869 kam es zur Gründung einer Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und 1899 durch den Gastwirt Franz Sperber zur Gründung einer Ortsgruppe der SPD.

Während des 1. Weltkrieges, in dem 153 Kolbermoorer fielen, hatten sich die Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten in Kolbermoor wie überall dramatisch verschlechtert. Es kam zu ernsthaften Versorgungsschwierigkeiten und einer starken Verteuerung. Bekannt ist der Hungermarsch der Kolbermoorer Arbeiterfrauen nach Bad Aibling zum Bezirksamt, wo die Frau des Bezirksamtmannes aus dem Fenster gerufen haben soll, wenn die Kolbermoorer kein Gemüse hätten, sollten sie doch Gras fressen. Unzufriedenheit und Mangel an allen Dingen kennzeichneten die Lage.

Als in München Kurt Eisner am 7. November 1918 die Republik ausrief und ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat gegründet wurde, zögerte man auch in Kolbermoor nicht lange und die SPD rief die Bevölkerung auf, im Mareissaal zusammenzukommen, wo am 11.November ein 25-köpfiger 1. Volksrat gewählt wurde. Dieser setzte sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammen und war ein Kontrollorgan des Gemeinderates. Der 32-jährige Georg Schuhmann kam erst wenige Tage später nach Kolbermoor. Offensichtlich fand er sich schnell in die Situation vor Ort hinein und wurde bei der 2.Volksratwahl am 8. Januar 1919 nicht nur gleich gewählt, sondern auch noch am gleichen Tag dessen !.Vorsitzender. Schuhmann war, so ist aus dem Beschlussbuch der Räte zu entnehmen, außerordentlich rührig und war bei der Bevölkerung bald sehr beliebt, kümmerte er sich doch um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, gründete mit den anderen Räten einen Lebensmittelausschuss zur Überwachung der Geschäfte, damit es zu gerechter Verteilung kam, ging der Ärztefrage nach, wandte sich gegen die Überteuerung von manchen Gebrauchsgegenständen und ging viele andere Probleme an. Ihm zur Hand stand sein erst 18-jähriger Sekretär Alois Lahn.

Der Rundgang führte von der Schuhmannstraße und dem Schuhmannhaus weiter zum Straßenschild. Und Salomon erläuterte, dass die Schuhmannstraße erst 1947 diesen Namen erhalten habe mit der Begründung: "Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält." Dieser Beschluss wurde von CSU, SPD und KPD einstimmig gefasst.

An den Gräbern der zwei Ermordeten wurden deren Verdienste für Kolbermoor gewürdigt und hervorgehoben, dass Schuhmann, der inzwischen Bürgermeister war, dafür eingetreten war, die Stadt ohne Blutvergießen zu übergeben, als Weißgardisten einen Ring um sie gezogen hatten. Als Schuhmann und Lahn zu Grabe getragen wurden, geleitete sie ganz Kolbermoor zur letzten Ruhestätte. Ein Trauerzug war verboten worden, weil man Unruhen befürchtete. So war der Friedhof, so berichten es die Chroniken, schwarz von Menschen. Aufgestellte Maschinengewehre sorgten dafür, dass kein Tumult ausbrach.

Auf dem weiteren Rundgang wurde auch dem Heimatmuseum ein kurzer Besuch abgestattet, um die dort gezeigten Dokumente zur Rätezeit anzuschauen. Stefan Reischl vom Verein Heimatmuseum ist es zu danken, dass die ganze Gruppe dafür keinen Eintritt zu zahlen brauchte. Andreas Salomon sah darin eine Geste, die in Zukunft auf mehr Zusammenarbeit aller an der Geschichte Kolbermoors Interessierten hinweist.

Tief beeindruckt erfuhren die Zuhörer schließlich bei der Gedenkstätte an der Tonwerksunterführung wie Schuhmann und Lahn auf brutalste Weise von Grafinger Weißgardisten zu Tode gekommen waren und dennoch später vor Gericht freigesprochen wurden.

Vor dem Mareissaal, in dem die großen Volksversammlungen stattfanden und wo schließlich die Übergabe und damit das Ende der Kolbermoorer Räterepublik beschlossen wurde, endete unter viel Beifall die ausgesprochen informative Führung.

Bleibt abschließend noch zu erwähnen, dass auch vier junge Männer an der Führung teilnahmen, die von sich behaupteten, Mitglieder der Grafinger Weißgardisten zu sein und die sich auch extra entsprechend gekleidet hatten. Sie wollten ganz offensichtlich die Veranstaltung durch ihr provokatives Auftreten stören. Als besonders niederträchtig empfanden die Teilnehmer des Rundgangs, dass einer von ihnen auf dem Rücken eine alte Schreibmaschine trug. Mit einer solchen war Alois Lahn vor 90 Jahren der Schädel eingeschlagen worden. Andreas Salomon verstand es sehr geschickt ihre Provokationen ins Leere laufen zu lassen, behandelte sie freundlich als interessierte Teilnehmer und verhinderte dadurch offensichtlich beabsichtigte Ausschreitungen. Anschließend stiegen die "Weißgardisten" in ein Auto, das ein Hitlerbild zierte.


Dazu gibt es einen Leserbrief und die Antwort von Andreas Salomon