Pisaker


Pressebericht von Lothar Walter

Erschienen am 6.5.2009 im OVB

Fotos: Helmut Pritschet


Einblicke in die Parallelwelt Schule

Pädagogen schlagen zu - viertes Programm der Pisaker

Lehrer als Sündenböcke für erziehungsunwillige Erziehungsberechtigte, missratene Schulversager, graue Eminenzen im Hausmeisterkittel, evaluierende Schulaufsichtsbeamte und reformsüchtige Ministerialbürokraten - der Abend im Franz-Pelzl-Haus der Arbeiterwohlfahrt war dennoch keine Selbstbemitleidungsmesse frustrierter und ausgebrannter Lehrer, das zwölfköpfige Ensemble des Lehrerkabaretts "Pisaker" piesackte alle Mitglieder der Schulfamilie gleichermaßen und überzeichnete selbstkritisch mit treffsicherem Witz die Pauker aller Schattierungen.

Eingeladen in dieses "Uni (Per)versum Schule" - so der Programmtitel - hatte der Kreisverband Rosenheim der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Diesen ersten Auftritt in Rosenheim verdankte das zahlreiche Publikum dem Wunsch des Kreisvorsitzenden Andreas Salomon, wie dieser in seiner Begrüßung verriet, einmal das Lehrerkabarett zu sehen, was ihm aber bei den bisherigen ausverkauften Vorstellungen im Traunsteiner Land nicht gelang, sodass er eben die Pisaker nach Rosenheim einlud.

Die Erforschung dieser Parallelwelt wurde von Autor Gerhard Wonner und Regisseur Frank von Sicard in 21 Szenen gesetzt, am Piano begleitet von Ulrich Rothe.

Hausmeister Mücke (Gerhard Wonner) versteht sich auf eine überaus komplexe Materie und erklärt das bayerische dreigliedrige Schulsystem. Habe nun die aktuelle Hauptschulinitiative Erfolg, so könne sich die Hauptschule vor Bewerbern nicht mehr retten und müsse einen Aufnahmetest für praktische Intelligenz einführen. Auf den Gymnasien blieben die Restschüler mit den zwei linken Händen. Wann komme dann die Gymnasiumdefensive?

Unterrichtsausfall durch Doppelführungen zu kaschieren - eine beliebte Methode, um die Statistik zu schönen. Die Pisaker zeigen wie's geht. Die doppelführende Lehrkraft - erfahren in der Kunst der rationellen Unterrichtsplanung - sitzt im Lehrerzimmer und korrigiert, weil ja die Klasse 8b glaubt, sie wäre in der Klasse 7c, während diese die Lehrkraft in der 8b unterrichtend wähnt. Dabei wissen die Pisaker, "Korrigieren lohnt sich nicht", einfach den Text zu Siv Malmkvists Lied vom Liebeskummer umgeschrieben.

Die Expedition von Professor Mackenstein (Bernhard Benoist) in die Tetra Inkognita der Schulwelt fand aus dem Schulzeitalter der Kreidezeit, was vielen selbstverständlich scheint, aber schon "Exotik pur" ist, ein seltenes Fossil eines Tafelschwamms, das Bindeglied zweier vom Aussterben bedrohter Gattungen, den Tafel wischenden, zutraulichen und fast harmlosen Schülern und den Tafel beschreibenden revierbeherrschenden Lehrern.

Letztere wurden in drei Rote-Liste-Exemplaren vorgeführt: eine geistesabwesend lächelnde Grundschullehrerin (Andrea Schedlbauer) mit der Lesemaus Mimi - ja, Lehrer lassen gern die Puppen tanzen, ein brutaler Rambolehrer mit Baseballschläger (Andreas Hüdepohl) - dessen generalstabsmäßiger Pausenaufsichtsplan Taktik über Didaktik triumphieren lässt, ein verwirrter Chaospauker (Frank von Sicard) - der zehn Jahre zu spät in den Unruhestand geschickt wurde und dessen Leben als Uralt-Achtundsechziger ein permanenter Kampf ist. Sie alle bilden die "GEW - Gemeinschaft engagierter Weteranen" - die Rechtschreibreform lässt grüßen, gewiss keine Schleichwerbung für den Veranstalter, sondern ein dezenter Hinweis auf dessen Altersstruktur.

Die Hobbykabarettisten - alle aktive oder ehemalige Schulprofis - analysierten in ihrem vierten Programm witzig und scharf das "Universum Schule" und förderten Kurioses, Exotisches, Abartiges zutage. Die professionelle Vorstellung des "Perversums Schule" traf den Nagel auf den Kopf. Lang anhaltender Applaus dankte den Akteuren, die ohne Gage auftraten.