Nürnberg


Bericht über die
zeitgeschichtliche Exkursion
nach Nürnberg

am 12. und 13. November 2011

Beicht: Lothar Walter


Jahreausflug der GEW Rosenheim

Zeitgeschichtliche Exkursion nach Nürnberg

Der Kreisverband Rosenheim der GEW beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Faschismus und Widerstand. Nachdem schon alle Gedenkorte in der Region Ziele von GEW-Exkursionen waren, erweiterte der Kreisverband seinen Aktionsradius und unternahm seinen Jahresausflug am Wochenende, 12. und 13. November 2011, nach Nürnberg - in die Stadt der Reichsparteitage und der Nachkriegsprozesse.

Vom stellvertretenden Kreisvorsitzenden Reiner Schober bestens geplant und vorbereitet, trafen sich neun GEWler um neun Uhr am Rosenheimer Bahnhof. Mit Bayernticket erreichte die Gruppe nach zweimaligem Umsteigen um 13:00 Uhr Nürnberg. Das zentral gelegene Hotel -in der Altstadt und in Gehweite zum Bahnhof- war zweckmäßig eingerichtet, das Preis-Leistungs-Verhältnis günstig. Nach Anmeldung und Zimmerbelegung ging es schon um14:00 Uhr zur nächsten Straßenbahn-Haltestelle; das Besichtigungsprogramm, das die GEW-Gruppe noch vorhatte, war riesig und die Zeit trotz reibungsloser Anfahrt knapp, so dass das geplante Mittagessen ausfallen musste.

Die Straßenbahn brachte uns zur Luitpoldarena,auch Luitpolthain genannt, mit der Luitpolthalle (erbaut 1906, zerstört 1942, ursprünglich eine Ausstellungshalle). Die erste Station war hier der Ehrentempel, 1929 für die Gefallenen des 1. Weltkriegs erbaut. Schon 1927 und die nachfolgenden Jahre benutzten die Nazis das weitläufige Gelände und die Gebäude für ihre Parteitage und deren Hauptzweck, nämlich die Aufmärsche (bis zu 150 000 "Parteigenossen") theatralisch in Szene zu setzen für den nationalsozialistischen Toten- und Opferkult.

Nächstes Etappenziel war die unvollendete Kongresshalle (Baubeginn 1935), dem römischen Colosseum nachgebaut für bis zu 50 000 Menschen, die sich zu den Parteikongressen vor dem "Führer" versammeln konnten.

Von hier führte Reiner Schober die Gruppe, bei Sonne und kaltem Wind, auf einen langen Rundweg, mal in naher, mal in fernerer Distanz zum Dutzendteich, auf das Reichsparteitagsgelände zu den verschiedenen -teilweise noch gut erhaltenen, teilweise kaum mehr vorhandenen oder noch gar nicht erbauten, sondern erst geplanten- Nazibauten, immer Erläuterungen zur Nutzung durch die Nazis und in der Nachkriegszeit beisteuernd.

Allgemein bekannt aus historischen Aufnahmen ist die Zeppelintribüne mit der baulich markanten "Führerempore". Das gleichnamige Zeppelinfeld diente als Aufmarschareal für bis zu 100.000 Menschen. Für junge Menschen, d. h. die Hitlerjugend, wurde das nahegelegene städtische Stadion, heute Frankenstadion, in das Parteitagsgelände einbezogen. Der Weg führte nun, in einiger Entfernung zum Märzfeld, einem weiteren Aufmarsch- und Manövergelände für die Wehrmacht, zur "Großen Straße", eine 2 Kilometer lange und 60 Meter breite Betonbahn, die als zentrale Achse das Märzfeld mit der Kongresshalle verbindet und den Dutzendteich durchtrennt. An ihr sollte das "Deutsche Stadion", ein Mammutbau für 400.000 Zuschauer entstehen. So führte uns die Große Straße zurück zum Ausgangspunkt unseres Erkundungsgangs. Nun war die Zeit sehr knapp für den Besuch des Dokumentationszentrums in der Kongresshalle, in dessen Obergeschoss die Dauer- ausstellung "Faszination und Gewalt" sich mit den Ursachen und Folgen der Nazi-Herrschaft befasst. Schwerpunkt sind die Reichsparteitage und das NS-Bauprogramm für Nürnberg. Das Zentrum schloß um 18 Uhr die Pforten und wir mussten den Besuch wohl oder übel abbrechen. Eine Frage soll jedoch angeschnitten werden: Das exorbitante Bauprogramm der Nazis verbrauchte Unmengen an Material und Arbeitskraft. Dies lieferten die Konzentrationslager, u. a. auch Flossenbürg, ein frühe-res Exkursionsziel der Rosenheimer GEWler.

Rückkehr ins Hotel, kurze Verschnaufpause - endlich am Ende eines langen Tages war dann im Restaurant Zur Baumwolle Zeit für kulinarische Genüsse, in einer engen, aber urigen Gaststube. Das Restaurant befindet sich im ältesten Gebäude Nürnbergs, das den Krieg als einzige in seiner Straße unversehrt überstanden hat.

Nachdem der Abend doch lange geworden war, wurde das Frühstück nicht zu früh angesetzt. Geboten war ein recht ordentliches Büffet, das keine Wünsche offen ließ. Nach dem Aus-checken ging es nun mit der U-Bahn zum Justizgebäude, an den Ort, wo der Internationale Militärgerichtshof tagte und der "Nürnberger Prozess" (20.11.1945 bis 01.10.1946) und zwölf Nachfolgeprozesse zwischen 1946 und 1949 stattfanden. Das erst 2010 eröffnete "Memorium Nürnberger Prozesse" beinhaltet eine kleine, aber gut informierende Dokumentationsausstellung im dritten Obergeschoss des Gerichtsgebäudes und den eben durch die Nürnberger Prozesse bekannten Schwurgerichtssaal 600, welche nur mit Führung zu besichtigen möglich ist. Wir hatten mit Tobias Huepp, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Erlangen, einen kompetenten Fachmann zur Führung.

Beeindruckend für alle war der Saal 600, der durch die Nürnberger Prozesse, in denen sich erstmals in der Geschichte Repräsentanten eines Staates wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit verantworten mussten, zu einem Ort der Weltgeschichte wurde. Ohne diese Prozesse wäre die Entwicklung zu einer internationalen Völkergerichtsbarkeit, wie heute in Den Haag, nicht möglich gewesen. Für die Prozesse wurde der Gerichtssaal mit der Raumnummer 600 umgebaut; ab 1961 erfolgte der Rückbau durch die Bayerische Justizverwaltung, der Saal ist Tagungsort des Schwurgerichts. Diskutiert wurde in der Gruppe, ob es nicht besser wäre, den baulichen Zustand zurzeit der Nürnberger Prozesse wieder herzustellen, um die Aura als Verhandlungsstätte eines "Weltgerichts" besser zu reflektieren.

Die veranschlagten zwei Stunden erwiesen sich, wie üblich, als zu knapp bemessen - aber es nützte nichts, wir mussten zurück um die von der Fahrtzeit bestmögliche Zugverbindung nach München zu erreichen. Hier blieb genug Zeit, um den Aufenthalt mit einer gemütlichen Cafe-Pause zu verkürzen. Und schließlich kamen wir um fünf Uhr nachmittags am Rosenheimer Bahnhof an - mit dem befrie-digenden Gefühl, Freizeit und politische Bildung glücklich verbunden zu haben. Ein ereignisreiches Wochenende lag hinter uns.