Mythos Schule


Schulkritiker Professor Dr. Ulrich Klemm im "Z"

Bericht von Lothar Walter

Auf Einladung der GEW Rosenheim und der infogruppe Rosenheim hielt Professor Dr. Ulrich Klemm im "Z -linkes Zentrum in Selbstverwaltung" einen Vortrag zu "Mythos Schule - Warum Bildung entstaatlicht und entschult werden muss" . Quasi-Hausherr Stephan Geuenich begrüßte die zahlreichen Zuhörer und stellte anfangs gleich klar, dass Entstaatlichung nicht mit Privatisierung gleichzusetzen sei. Der GEW-Kreisvorsitzende Andreas Salomon hieß den Referenten zu dieser Veranstaltung mit einem für die GEW eher ungewöhnlichen Thema willkommen, sei doch Klemms theoretischer Ansatz "jenseits des offiziellen Standpunkts der GEW".

Professor Klemm wunderte sich selbst über die Einladung, da es ihm nicht um Reformen gehe, sondern die Schule müsse "als Ganzes neu gedacht werden, das System Schule ist in Frage zu stellen". Der Vertreter einer libertären Pädagogik versuchte seine Theorie in vier Anti-Thesen zum staatlichen Schulsystem zu komprimieren. Er argumentierte dagegen, dass die jetzige Schule Wissen sichert, Kinder schützt, kulturellen Fortschritt garantiert und dass Schulreformen Schule verbessern - alles Attribute des Mythos Schule, dessen Entzauberung Klemm sich vornahm. Leitmotivisch zitierte er aus der Rede eines Rektors einer Schule in Helsinki anlässlich dessen Ansprache zum Schuljahres beginn: "Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich mit Euch wieder ein ganzes Jahr zusammen arbeiten darf" und stellte dies der Wirklichkeit an deutschen Schulen gegenüber, wo Stress und Frust für alle Beteiligten, ob Schüler, Lehrer, Eltern, herrschten. Klemm kritisierte, dass die Schulpflicht das Elternrecht breche. Seiner Meinung nach sollten Eltern eigenverantwortlich entscheiden können, was, wann, wie und wo ihre Kinder lernen. Damit alle Kinder aber auch wirklich die Möglichkeit des Lernens wahrnehmen können, forderte er statt einer Schulpflicht ein Bildungsrecht für alle.

Ob es Professor Klemm gelungen war, am Ende seines Vortrags den Schulmythos bei allen Zuhörern zu entzaubern, war sicher ungewiss, wie sich in der intensiven und kontroversen Diskussion zeigte. Es herrschte weitgehend Einigkeit in der Beschreibung aktueller Schwachpunkte des deutschen Schulwesens wie z. B. einer großen Zahl von Schülern ohne Abschluss oder von funktionalen Analphabeten, der Entstehung eines großen Nachhilfemarktes, von Schul- und Lernverweigerung. Um dieser Schulmisere die Alternative einer "entstaatlichten und entschulten Schule" entgegenzusetzen, forderte Klemm vier Strukturänderungen, nämlich die Aufhebung des Lehrer-Schüler-Prinzips zugunsten eines partnerschaftlichen Unterrichtens; die Aufhebung des Lernorts Schule, stattdessen sollte das Lernen auf der Straße ermöglicht werden; die Aufhebung fremdbestimmter Lehrpläne und schließlich die Aufhebung des Unterrichts als zentrale Lernmethode. Damit würde, so Klemm, die Schule eine größere Unabhängigkeit vom Staat erhalten und zugleich würde eine demokratische Schulkultur gefördert werden. Ein kritisches Hinterfragen von Klemms antistaatlichen Positionen zeigte, dass weniger Staat zu mehr Markt führe und in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung sich der kapitalkräftigere Marktteilnehmer durchsetze - am Ende bestimme die Wirtschaft, welche Bildung die Absolventen haben müssten und das humanistische Ideal der Klemmschen Pädagogik bliebe auf der Strecke.

GEW-Kreisvorsitzender Andreas Salomon dankte dem Referenten für sein spannendes Referat und stellte in seinem Schlusswort fest, dass wohl das Unbehagen am selektiven Schulsystem von allen geteilt werde, aber über Ziele und Wege einer alternativen Schule noch ein großer Diskussionsbedarf bestehe.