Maikundgebung 2013


"Die Entwürdigung der Arbeit stoppen"

Karsten Kuttnik von der IG Metall plädiert bei der Maikundgebung des DGB in Rosenheim für höhere Löhne

Rosenheim - Sehr emotional verlief die Kundgebung zum Tag der Arbeit des DGB-Kreises Rosenheim. Festred-ner Carsten Kuttnik, Projektsekretär für Luft- und Raumfahrt der IG Metall, der gemeinsam mit der DGB-Kreis-und Stadtverbandsvorsitzenden Ingrid Meindl-Winkler den Demonstrationszug durch die Innenstadt anführte, war überrascht von der Atmosphäre.

Von der Mädchenrealschule, die Elisabeth Block in der NS-Zeit besuchte und als Jüdin verlassen musste, marschierte der Zug mit über 200 Gewerkschaftern und Unterstützern zunächst zum ehemaligen Gewerkschaftshaus an. der Gießereistraße, wo Meindl-Winkler auf die Geschichte der Gewerkschaften in Rosenheim verwies.

Vor dem Gewerkschaftshaus in der Brixstraße trafen inzwischen weitere Besucher der Maikundgebung ein. Lie-dermacher Martin Piper verkürzte die Zeit bis zum Eintreffen des Demozuges. Inzwischen war die Zuhörer-zahl auf über 400 angewachsen. Meindl-Winkler wollte den außergewöhnlichen Ablauf der Kundgebung als Bei-trag zur Geschichte der Stadt verstanden wissen. Ihr Vorschlag, die Mädchenrealschule mit dem Namen Elisabeth Block zu verbinden, fand nachhaltigen Beifall.

Landrat Josef Neiderhell ging in seinen Grußworten auf den 2. Mai 1933 ein, als um 10 Uhr SA-Truppen das alte Gewerkschaftshaus stürmten und Gewerkschafter verhafteten: "Das darf nie wieder geschehen."

Festredner Carsten Kuttnik war "überwältigt von - der emotionalen Stimmung dieser Maidemo, die Mut macht und gefällt". Er sprach sich klar für ein Verbot der NPD aus und erhielt dafür von den Zuhörern breite Zustimmung. Die Lage am Arbe itsmarkt schilderte Kuttnik eher düster: "Seit den 80er Jahren erleben wir eine Entwürdigung von Arbeit. Die Arbeitsarmut nimmt immer mehr zu." Deshalb müsse man dem Niedriglohnsektor und schlechter Arbeit entgegentreten. Während die Gewerkschaften laut Kuttnik wachsen, allein 2012 um 900 Mitglieder, entzögen sich die Arbeitgeber zunehmend der Mitgliedschaft in den Arbeitgeberverbänden und damit der Anwendung von. Tarifverträgen.

Die Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Betriebsrat und in den Aufsichtsräten sei gelebte Demokratie. Doch. mit der Agenda 2010 sei der Kündigungsschutz deutlich verschlechtert worden. "Der Kündigungsschutz muss wieder ausgebaut werden. Und wir brauchen bessere Bildung", forderte der Redner. 2,2 Millionen junge Menschen im Alter von 20 bis 24- Jahren hätten keine abgeschlossene Ausbildung.

Das Volksbegehren gegen Studiengebühren habe gezeigt: "Das Volk kann der Staatsregierung Beine machen." Hingegen breite sich die sogenannte atypische Beschäftigung immer mehr aus: Befristungen, Leiharbeit, Minijobs. "Während die Mieten "explodierten", arbeiteten fünf Millionen Menschen. zu Hungerlöhnen unter 8,50 Euro - und über eine Million sogar zu Stundenlöhnen unter fünf Euro", so Kuttnik.


Ergänzender Bericht von Andreas Salomon

zur Startveranstaltung vor der Städtischen Mädchenrealschule in Rosenheim sowie zum Verlauf der Demonstration

Da die Startveranstaltung der diesjährigen 1.- Mai - Demonstration von der GEW organisiert wurde, soll darüber auch kurz berichtet werden.

Im November 2012 wurden während einer Feierstunde im Rosenheimer Rathaussaal von Prof. Treml die Tagebücher der Elisabeth Block der Stadt zur Aufbewahrung im Stadtarchiv übergeben. In diesem Zusammenhang äußerte Prof. Treml den Wunsch, dass die Rosenheimer Städtische Realschule für Mädchen den Namen Elisabeth Block tragen möge. Diesen Gedanken machte ich mir zueigen. Das jüdische Mädchen Elisabeth Block aus Niedernburg bei Rosenheim besuchte in der Nazizeit diese Schule, bis sie sie als Jüdin verlassen musste. Auf keine Weise könnte die Erinnerung an Elisabeth Block und ihr schreckliches Schicksal sowie damit das Schicksal aller Juden besser wachgehalten werden als durch eine Schulbenennung. Immer neue Generationen von Schülern würden informiert werden, was es mit dem Namen ihrer Schule auf sich hat, ja ständig wäre der Name Elisabeth Block in aller Munde.

Ich bekräftigte diese Forderung in einem Leserbrief im "OVB" und schlug im DGB - Kreisvorstand vor, die diesjährige DGB - Demon-stration vor dieser Schule mit entsprechender Forderung beginnen zu lassen. Der Gedanke fand allgemeine Zustimmung. In einem Gespräch mit der Schulleiterin Frau Ramm, bei der auch unser GEW - Kollege Wolfgang Lentner, Lehrer dieser Schule, anwesend war und sich produktiv in die Unterhaltung einbrachte, wurden weitere Modalitäten geklärt. Es solle die Schulsprecherin an Elisabeth Block "erinnern" und Wolfgang Lentner war bereit, passende Lieder herauszusuchen, die der Ansprache einen Rahmen geben sollten.

Überraschend viele Menschen folgten dem Aufruf des DGB und versammelten sich auf dem Hof vor der Schule. Ich konnte die Schulleiterin Frau Ramm, die Schülersprecherin Anna sowie Wolfgang Lentner und alle Versammelten begrüßen. Auch die Schulleiterin selbst hieß uns alle herzlich willkommen.

Wolfgang hatte zwei antifaschistische Lieder ausgewählt und entsprechende Liedzettel zum Mitsingen verteilt. Zunächst wurden "Die Moorsoldaten" gesungen, ein Lied, das in einem KZ entstand, die Mühen und Plagen der Häftlinge beschreibt und der Hoffnung auf ein Leben danach Ausdruck verleiht. Dann hielt die Schülersprecherin eine alle sehr beeindruckende Rede und erinnerte an Elisabeth Block und wie schwer es für heutige Schüler nachvollziehbar sei, was damals vor aller Augen passierte. Frau Ramm war so beeindruckt, dass sie spontan das Mikrofon ergriff und ihr dankte. Wir Gewerkschafter schlossen uns diesem Dank an. Dann sangen wir zur Gitarrenbegleitung von Wolfgang Lentner das Partisanenlied "Bella chiao".

Damit hatte der 1.Mai 2013 einen so berührenden Beginn genommen wie noch nie und der Wunsch und die Hoffnung, dass die Nazis nie wieder die Macht übernehmen dürfen, ließ uns die Demonstration beginnen, an der mehrere hundert Menschen teilnahmen - soviel wie lange nicht.

Die Demonstration, bei der unzählige Transparente zu sehen waren, zog dann in einem unendlich langen Zug durch die Stadt, wozu revolutionäre Lieder über Lautsprecher gespielt wurden. Das nächste Ziel war der Ort in der Salinstraße, an dem 1933 das Versammlungshaus der Gewerkschaft stand, das am 2. Mai (wie es überall in Deutschland geschah) von den Nazis überfallen und geplündert wurde. Die DGB-Kreisvorsitzende Ingrid Meindl-Winkler legte dort Blumen nieder und schilderte ausführlich, was sich seinerzeit dort abgespielt hatte. Eine Gedanktafel konnte an dem Haus (das Kathrein gehört) leider nicht angebracht werden, da dieses abgerissen werden soll. Man wird sich für den 1. Mai 2014 etwas Passendes überlegen. Dann zog die Demonstration weiter zum Gewerkschaftshaus in der Brixstraße, wo schon viele Menschen auf den Beginn der Ansprachen warteten.