Holger Kulick


Bericht über den Vortrag von

Holger Kulick

"Stolz worauf?"-
Wie Rechtsextreme
Nachwuchs ködern

am 3.5.2011 im Lokschuppen Rosenheim

Bericht: MdB Angelika Graf,
Vorsitzende von "Gesicht zeigen - Rosenheim"
Veranstalter und Kooperationspartner

Angelika Graf im Gespräch mit Holger Kulick
Holger Kulick, Jahrgang 1960, lebt in Berlin und macht sich seit fast 30 Jahren einen Namen als mutiger und innovativer Journalist. Er war der "Erfinder" der Jugendsendung Logo, hat für die ARD, das ZDF und Spiegel-Online gearbeitet. Er hat die Stern-Initiative "Mut gegen rechte Gewalt" aufgebaut und dafür den alternativen Medienpreis erhalten. Derzeit arbeitet er für die Bundeszentrale für politische Bildung und entwickelt unter dem Stichwort "Zivilcourage" ein neues Projekt für die Stasi-Unterlagenbehörde.

In den letzten Jahren haben die rechtsextremistischen Vorfälle in der Stadt und im Landkreis Rosenheim deutlich abgenommen. Dennoch zeigen Studien, dass 13-15 Prozent der Bundesbürger ein sehr rechtsextremes Weltbild haben und die Bereitschaft der Bevölkerung in Deutschland, unter bestimmten Bedingungen auch rechtsextreme Parteien und Personen zu unterstützen, generell eher wächst. Bei deutschen Jungwählern habe die NPD eine hohe Anhängerschaft. In anderen Ländern der EU wie den Niederlanden, Polen oder Ungarn feiern Rechtspopulisten politische Siege.

Grund genug für den Verein "Gesicht zeigen - Rosenheimer Bündnis gegen rechts", Holger Kulick unter dem Titel "Stolz worauf? Wie Nazis Jugendliche ködern" zusammen mit dem Stadtjugendring Rosenheim, der Friedrich-Ebert-Stiftung und der GEW Rosenheim zu einer Vortragsveranstaltung mit Diskussion in den Saal des Stadtjugendrings einzuladen. Der Einladung folgten nicht nur Jugendliche, sondern auch Menschen im Großeltern-Alter.

Wie gelangen Jugendliche in rechtsextreme Kreise? Was sind das für Jugendliche? Was treibt sie an? Was macht sie empfänglich für rechtes Gedankengut? Welche Rolle spielt Gewalt? Rechte Rattenfänger, linke Rattenfänger, islamistische Gruppen - unterscheiden sich Jugendliche, die sich hier engagieren, in ihrer Motivation grundsätzlich? All das waren Themen, die Holger Kulick den Zuhörern sehr einfühlsam, mit vielen Interviews und Textstellen untermauert - z.B. dem aktuellen Spiegelartikel zur Jugendgewalt oder ein Interview mit einem jungen Rechtsextremen unter www.jugendpresse.de - nahebrachte.

Gewalt - auch als Gruppenphänomen - spiele bei der Selbstfindung Jugendlicher in der Pubertät speziell dann eine Rolle, wenn sie aus einem rigiden, autoritären, Gewalt ausübenden Elternhaus kämen, in dem sie sich isoliert fühlten oder durch Trennung und Scheidung Verluste erlebt hätten. Die extremistische Gruppe, der sich die Jugendlichen anschlössen, werde oft sehr schnell zur "Ersatzfamilie". Sie biete Nähe, Abenteuer und eben oft auch den "Kick" gemeinsamer Gewaltrituale und Initiationsriten. Oft seien die Jugendlichen auch durch die Erzählungen der Großeltern - vom Krieg, der SS, der HJ etc. - stark vorgeprägt. Vermeintliche Tugenden wie Sauberkeit, Ordnung erweckten in manchen Jugendlichen Stolz. Es gehe aber auch darum, beachtet zu werden, wenn man sich in rechtsradikal verortbarem Outfit zeigt und den Mitmenschen Angst einflößt sowie um den "Erfolg", mit gewalttätigen Aktionen die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen und andere zu beherrschen. Parteiprogramme - z.B. der NPD - stünden nicht im Mittelpunkt ihres Interesses.

Holger Kulick beim bei seinem Vortrag
Die BKA-Studie "Die Sicht der Anderen" mache deutlich, dass es eine große Vergleichbarkeit der Hintergründe von Jugendlichen gäbe, die sich von radikalen Gruppierungen angezogen fühlten. Es gebe auch Wechsel von Jugendlichen von rechts- zu linksextremistischen Gruppierungen.

Musik und Internet spielten eine große Rolle bei der Rekrutierung von Jugendlichen durch rechtsextreme Gruppen. Z.Zt. gebe es ca. 150 rechtsextremistische Bands. Mit sog. "Schulhof-CDs" versuchten die Gruppierungen, Kontakt zu den Jugendlichen zu bekommen. Hier seien neben der Musik selbst auch die Texte sehr wichtig. Je rassistischer oder antisemitischer, je verbotener desto größer sei das Interesse von gefährdeten Jugendlichen.

Auch das Internet sei inzwischen eine wichtige Plattform zur Anwerbung junger Leute. Dabei würde auch alle sozialen Netzwerke zur Werbung und Kommunikation benutzt. Derzeit gebe es ca. 1800 offenkundig rechtsextremistische Netze. Auch hier arbeite man mit der Einschüchterung politisch Andersdenkender.

Der Ausstieg aus der extremistischen Szene sei oft schwierig, weil die Gruppe über die Dauer der Zugehörigkeit der einzige soziale Kontakt der jungen Menschen geworden sei. Die Angst vor Einsamkeit mache mehr noch als die Androhung von Konsequenzen den Ausstieg oft schwierig und manchmal auch nicht nachhaltig.

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion forderte Holger Kulick, sich mehr sehr junger Jugendlicher anzunehmen, die erkennbar auf der Sinnsuche seien. "Das Ziel muss sein, zunächst den Einstieg zu verhindern. Das ist mindestens so wichtig, wie nachher beim Ausstieg zu helfen. Man darf junge Jugendliche, die sich zu den Extremisten verlaufen haben, nicht isolieren, sondern man muss sich darum kümmern. Jeder Euro, der an Jugendhilfe und sozialen Jugendprogrammen gespart wird, kann sich bitter rächen, wenn Kinder den Extremisten in die Hände fallen." so Holger Kulick. Bedauert wurde auch das Desinteresse der Medien an der Entwicklung in der Szene, wenn es nicht um spektakuläre Gewaltexzesse gehe. "Den Begriff des Stolzes" - so Kulick weiter - "muss man differenziert betrachten. Wer stolz ist auf unsere Demokratie, auf unsere Verfassung, auf die Entwicklung, die Deutschland nach dem Hitler-Regime genommen hat, der ist zu Recht stolz. Wer sich stolz über andere erhebt, Stolz als Herabwürdigung anderer versteht, ist in unserer Demokratie noch nicht angekommen." Unsere Demokratie müsse viel wehrhafter werden, das Verständnis für politische Entscheidungsprozesse und die Kompromissfindung in der Demokratie müsse deutlich mehr gefördert werden. Echte brennende Demokraten seien sehr wohl in der Lage, sich mit Rechtsextremisten wie der NPD - ohne ein neuerliches Verbotsverfahren - auseinander zu setzen.