Jahreshauptversammlung 2011


Pressemitteilung vom 28.01.2011

von Lothar Walter


Prekariat der Dichter und Denker

Dank des im Voraus versandten Rechenschaftsberichts konnte Kreisvorsitzender Andreas Salomon sich eine Litanei aller Vorkommnisse ersparen und stattdessen in launigen Worten Stärken und Schwächen des Kreisverbandes Rosenheim der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schlaglichtartig beleuchten. Mit leichtem Stolz präsentierte er zum fünften Mal sein Jahrbuch. Spiralgeheftet dokumentieren achtzig Seiten akribisch alle Ereignisse und Aktivitäten der GEW Rosenheim im abgelaufenen Jahr.

Die langsame, aber stetige Aufwärtsentwicklung der Mitgliederzahlen und die stillen Erfolge im Rechtschutz - was nach Salomon "mehr Bares im Geldbeutel für die vor Gericht obsiegenden Mitglieder" bedeutet - sowie eine nun stabile Kassenlage und die Vielzahl an Veranstaltungen stehen auf der Habenseite der Jahresbilanz. Großen Zuspruch fanden die kulturellen Angebote. Der Besuch bei politischen Veranstaltungen lasse aber zu wünschen übrig, so Salomon. Er plädierte daher für eine sinnvolle Beschränkung. Quasi eine Leerstelle im Kreisverband sei die Organisierung und Vertretung der Erzieherinnen und sozial-pädagogischen Berufe - entgegen dem Landes- und Bundestrend, wo die GEW große Erfolge verzeichnen könne. Ein aufgeräumter Vorsitzender blickte optimistisch in die Zukunft, da es angesichts des momentanen Zustandes des Kapitalismus zu vermehrter Gegenwehr der Betroffenen kommen würde.

Christine Seiz-Livadas
Den thematischen Schwerpunkt der Jahreshauptversammlung eröffnete der Gast des Abends, Christine Seiz-Livadas, Mitglied des Landesvorstands im Fachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung der Gewerkschaft ver.di, Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft. Obwohl beide Gewerkschaften in diesem Organisationsbereich Konkurrenten sind, war der gemeinsame Wille vorhanden, im Interesse der Arbeitnehmer am gleichen Strang zu ziehen. In ihrem Grußwort brachte Seiz-Livadas erschütternde Beispiele prekärer Beschäftigung im Wissenschafts- und Weiterbildungsbereich. Hochqualifizierte Akademiker hangeln sich jahrelang von einer kurzfristigen Beschäftigung zur nächsten, unterbrochen durch Zeiten der Arbeitslosigkeit während der Semester- oder Schulferien. Gerade Weiterbildungsträger sparen sich hier gerne Personalkosten, obwohl sie mit Zertifizierungssiegeln, die fest angestellte Kursleiter vorschreiben, um Auftragsmaßnahmen werben. Nur zu oft sei es außen hui, innen pfui! Den Schaden haben neben den ausgebeuteten Beschäftigten die Kursteilnehmer, denen Qualität vorenthalten werde. Es scheine so, dass die Kostenträger gar nicht genau hinschauen und gar nicht wissen wollen, was tatsächlich abläuft; Hauptsache die Maßnahme kostet nicht viel und die Statistik stimmt.

In der Diskussion wurde anhand weiterer Beispiele deutlich, dass ungeschützt Arbeitende als neue soziale Gruppierung ein stetig wachsender, fester Bestandteil unserer Arbeitswelt sind. Prekarisierung ist mittlerweile kein Unterschichtphänomen mehr, Teile der Mittelschicht sind direkt vor dem sozialen Abstieg bedroht. Prekariat bedeutet ein Leben mit materiellem Mangel, Unsicherheit, ungünstige Arbeitsbedingungen und Anerkennungsdefizite, was eine längerfristige Lebensplanung verunmögliche. Seiz-Livadas forderte die Politik auf, das Teilzeit- und Befristungsgesetz sowie das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zu novellieren. Beide Gewerkschaften wollen einen Branchentarifvertrag "Weiterbildung" erreichen. Als Kreisvorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW und Deutschlehrer zeigte sich Salomon überzeugt, dass in diesem bevorstehenden schweren Kampf der Gewerkschaften "Goethe auf unserer Seite stünde, denn ohne soziale Absicherung aller Bildungsarbeiter und -arbeiterinnen ist es vorbei mit dem Land der Dichter und Denker".