Lisi Block


Bericht im OVB vom 22.12.2009

über die Gemeinschaftsveranstaltung

von GEW Rosenheim

und Gesicht zeigen Rosenheim

am 3.12.2009

"Das kurze Leben der Lisi Block"

Das Schicksal eines jüdischen Mädchens
in Oberbayern während des Nationalsozialismus

Referent Reiner Schober



Rainer Schober
Referent Reiner Schober, Hauptschullehrer und stellvertretender Kreisvorsitzender der Rosenheimer Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, eröffnete seinen Vortrag "Das kurze Leben der Lisi Block" im Rosenheimer Gasthaus Ocakbasi mit dem Ergebnis seiner privaten Umfrage unter Kollegen: Von 50 Lehrern und Lehrerinnen einer Hauptschule im Landkreis konnte nur ein Lehrer mit dem Namen Elisabeth Block etwas anfangen. Die Zuhörer allerdings wussten schon, wer Elisabeth Block, genannt Lisi, war.


Straße in Niedernburg,
nach Lisi Block benannt.
Das 1923 geborene Mädchen einer völlig assimilierten jüdischen Gärtnerfamilie aus Niedernburg bei Rosenheim führte ab 12. März 1933 ein Tagebuch. Insgesamt entstanden sechs Oktavhefte, der letzte Eintrag datiert vom 8. März 1942. Die Tagebucheinträge berichten von privaten, familiären Ereignissen aus der kleinen, idyllischen Welt in Niedernburg, Politik findet nicht statt. Was bei einem zehnjährigen Mädchen mit ihrer noch naiven Weltsicht verständlich erscheint, erstaunt allerdings bei einer jungen Dame von 19 Jahren. Die zunehmende Drangsal, Gemeinheiten und staatlichen Verfolgungsmaßnahmen, die die jüdischen Mitbürger tagtäglich erfahren, kommen im Tagebuch nicht vor, sie scheinen geradezu zwanghaft ausgeblendet, nur um nicht die kleine Welt der zunehmend gesellschaftlich isolierten Familie zu stören.

Der Referent schaffte den Bogen zwischen authentischer Wiedergabe und fehlender, aber nichtsdestotrotz notwendiger kritischer Reflexion. Er wählte schlaglichtartig einzelne Tage aus: kalendermäßige Daten wie Weihnachten oder Geburtstage, Schulveranstaltungen und politische Ereignisse, die er kurz in Erinnerung rief. Ihnen stellte er Lisis "von allem Widerwärtigem" rein gehaltene Notizen gegenüber. Diese las eine Mädchenstimme, aufgenommen unter primitiven technischen Bedingungen vom altmodischen Kassettenrecorder - die Zuhörer konnten sich so in den kindlichen Versuch einfühlen, privates Glück festzuhalten, bei vollem Wissen um die politische Lage. Die Lesung gewann gespenstische Realität. Eine Kostprobe: Zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 findet sich als nächster Tagebucheintrag: "6. November 1938, Buß- und Bettag. Um uns von den traurigen Gedanken und Sorgen, die der Tod unseres lieben Onkel Leos [Dr. Leo Levy aus Bad Polzin wurde am 9. November 1938 von SA-Männern ermordet - Anmerkung der Verfasser des Buches) und überhaupt die letzten zehn Tage mit sich brachten, zu befreien, machten wir einen schönen Spaziergang zu unserem lieben See, wo wir am Ufer in der warmen Herbstsonne saßen und mit Seppen Marie plauderten, die sich auch dort eingefunden hatte."

Die Familie Block wird im Frühjahr nach Piaski im Distrikt Lublin deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Von dort wurde sie weiter in eines der Vernichtungslager, Belzec oder Sobibor, verschleppt und ermordet.

An die Lesung schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Gefragt wurde, wie es sein kann, dass eine Familie ins soziale Abseits geschoben, verfolgt und schließlich vernichtet wird, ohne dass sich Anteilnahme oder Widerspruch regt. Gegen die Unkultur des Wegschauens anzugehen, sei nötiger denn je. Andreas Salomon, Kreisvorsitzender der GEW, forderte eine verstärkte heimatgeschichtliche Bildung in den Schulen. Gerade die von Reiner Schober gewählte Form der Lesung eröffne einen guten Zugang zu den Herzen der Kinder.

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"Erinnerungszeichen. Die Tagebücher der Elisabeth Block". Herausgegeben vom Haus der Bayerischen Geschichte und vom Historischen Verein Rosenheim. Mit Beiträgen von Peter Miesbeck und Manfred Trend; Rosenheim 1993; 367 Seiten.

Reiner Schober vor Bilder von Lisi Block und ihrer Familie