Bezirksmedaille


Laudatio des Bezirkstagspräsidenten

von Oberbayern Josef Mederer

anlässlich der Verleihung der Bezirksmedaille

an Andreas Salomon

am 16. Oktober 2009


Wir verlassen Dachau und versetzen uns nun gedanklich nach Rosenheim, meine Damen und Herren. Dort steigen wir in einen Zug und fahren gemeinsam auf Bad Aibling zu. Den Haltepunkt zwischen den beiden Orten gibt es erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts - denn da wurde das Mangfalltal für die Eisenbahn erschlossen und Industrie siedelte sich an. Es entstand die heute größte Stadt im Landkreis Rosenheim: Sie wissen, ich spreche von Kolbermoor. Es sind nicht wenige Spuren, die die Geschichte in dieser jungen Stadt hinterlassen hat. Und es sind keine Ereignisse, an die man sich gern erinnert: Eine der Spuren hängt mit er Novemberrevolution von 1919 zusammen. Dammals war Kolbermoor eine starke Bastion der Räterepublik, die erst spät kapitulierte. Eine andere Spur stammt aus dem Jahr 1943. Da begann man in Kolbermoor, Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen in den Fabriken einzusetzen. Ungefähr 1000 Menschen hatte man zu diesem Zweck nach Kolbermoor verschleppt. Dafür, dass diese Spuren der jüngeren Geschichte in Kolbermoor für alle lesbar sind und bleiben, setzt sich Andreas Salomon seit Jahrzehnten ein. Das war für ihn nicht immer einfach.

"Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik" heißt ein Buch, das Andreas Salomon 2000 herausgegeben hat. Der damalige Bürgermeister, Georg Schuhmann, und dessen Sekretär Alois Lahn wurden einen Tag nach der Kapitulation durch weiße Freikorps ermordet. Das Buch ist das Ergebnis einer langjährigen Geschichtsforschung und eine wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte Kolbermoors. Bis heute bieten Sie, verehrter Herr Salomon, jährlich ehrenamtlich historische Stadtrundgänge durch Kolbermoor an. Herr Salomon führt zu den wichtigsten Schauplätzen der Jahre 1918 und 1919 und erklärt, was dort geschehen ist. Auf Salomons Initiative wurde im Jahr 1999 ein Denkmal für den Kolbermoorer Bürgermeister Georg Schuhmann an dessen Todesort errichtet. Im vergangenen Herbst würdigte der vom Bayerischen Landesverein für Heimatkunde durchgeführte Kreisheimatpflegertag die Arbeit Salomons.

Doch sich auf Erreichtem ausruhen ist nicht die Sache von Andreas Salomon. Er ist Mitbegründer der Geschichtswerkstatt Kolbermoor e.V., die die Stadtgeschichte auf wissenschaftlicher Grundlage aufarbeitet.

In den Jahrbüchern, die die Geschichtswerkstatt herausgibt, sind immer auch Artikel von Andreas Salomon enthalten. So hat er sich als Erster wissenschaftlich mit dem Kolbermoorer Heimatdichter Hans Ernst und dessen Romanen befasst. In einem anderen spannenden Artikel deckt er eine falsche Geschichtsdarstellung auf, die die Räterepublik betrifft. Er erreichte damit, dass im Heimatmuseum der Text zur Erläuterung der Rätezeit geändert wurde.

Ein weiteres Thema, das Andreas Salomon nicht loslässt, ist die Geschichte der Menschen, die während des zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiter in Kolbermoor arbeiten mussten. Die Geschichtswerkstatt machte in München eine ehemalige Arbeiterin der Baumwollspinnerei ausfindig und lud sie nach Kolbermoor ein. Der Bürgermeister empfing die alte Dame 2002 offiziell. Ein weiterer Schritt, sich diesem traurigen Kapitel der Kolbermoorer Stadtgeschichte zu stellen. Andreas Salomon plädierte dafür, die Zwangsarbeiter mit einer Tafel in der Baumwollspinnerei zu ehren. Und er traute sich zu fragten, warum die Zwangsarbeiter der ehemaligen Baumwollspinnerei immer noch keine Entschädigung erhalten haben. Freuen wir uns indes über das Erreichte: Die frühere Zwangsarbeiterin sage am Ende ihres Besuchs in Kolbermoor: "Es ist gut, dass Sie mich nach den Dingen gefragt haben, die ich alle vergessen wollte. Das geht sowieso nicht. Aber ich fühle mich zu Hause bei Ihnen, weil Sie mir meine Vergangenheit wieder näher gebracht haben."

Seit über 30 Jahren ist Andreas Salomon außerdem ehrenamtlich tätiges Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, und er hat seit mehr als 10 Jahren den Vorsitz im Kreisverband Rosenheim. Auch hier ist sein Hauptinteresse, für geschichtliche Ereignisse zu sensibilisieren. Auf seinen Exkursionen führt er Lehrergruppen durch ehemalige Konzentrationslager oder auch "auf den Spuren der Weißen Rose". Mit diesen Veranstaltungen möchte er engagierte Lehrer unterstützen, in den Schulklassen eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der historischen Wahrheit anzubieten. Doch Andreas Salomon vergisst über seinem Engagement für Geschichtliches die Gegenwart nicht. Er bezieht zu vielen aktuellen lokal- oder schulpolitischen Themen Stellung - gern und oft auch über das Medium "Leserbrief".

Verehrter Herr Salomon, mit Ihrem kritischen Blick auf die Geschichten von Menschen und Orten legen Sie Spuren in der jüngeren regionalen Geschichte frei. Sie setzen damit sichtbare Zeichen für die Wahrheit und gegen das Vergessen. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir heute wissen, was mit Georg Schuhmann und Alois Lahn geschah. Mit Ihrer Hartnäckigkeit verhindern Sie, dass die Opfer im Dunkel der Geschichte verschwinden. Sie wecken bei Lehrern und Schülern das Interesse für die historische Wahrheit. Für Ihr jahrzehntelanges Engagement sagen wir Ihnen heute mit unserer Auszeichnung herzlichen Dank.