Bergen im Chiemgau


Bericht über den
Sommerausflug
nach Bergen / Chiemgau

am 16. Juni 2011

Bericht: Lothar Walter


Sommerausflug der GEW Rosenheim

Eine Exkursion in die Industriefrühzeit

Schwerindustrie in Oberbayern, im Alpenvorland? In einer von Landwirtschaft und Tourismus geprägten Region? Kaum vorstellbar, und doch gab es eine frühe Industrie, deren Spuren noch vorhanden sind. Wenn auch die Vorstellung eines oberbayerischen Ruhrgebiets doch weit hergeholt ist, gehörte der Chiemgau mit dem Industrieverbund Kressenberg (Erzabbau) - Bergen/Maxhütte (Hochofen) - Aschau (Eisenverarbeitung) zu den ältesten Industriegebieten Europas. So ein frühindustrieller Standort war nun Ziel unseres Ausflugs zum Ausklang des Schuljahres, vorbereitet vom stellvertretenden Kreisvorsitzenden Reiner Schober. Aber dieses war noch nicht vorbei, und vielleicht steckte manche/r Kollege/in noch zu sehr im Zeugnisschreiben, was vielleicht erklären mag, dass die Beteiligung zu wünschen übrig ließ.

Also traf man sich am Autobahnparkplatz Raubling zur Bildung von Fahrgemeinschaften. Für die kleine Schar der Interessenten reichten gerade zwei PKW für die gemeinsame Weiterfahrt nach Bergen. Ziel war die seit 1824 so genannte Maximilianshütte, kurz Maxhütte, ein auf privater Initiative des Förder vereins entstandenes Industriemuseum. Die Maximilianshütte liegt an der Weißache in einem engen Gebirgstal unterhalb des Hochfelln, zwei Minuten von der Seilbahn entfernt. Es ist ein Ensemble aus imposanten Baudenkmälern, nämlich alte Werksgebäude und Arbeiterwohnhäuser und dem ehemaligen Beamtenstock, einem Wirtshaus ("Hüttenschänke") und als ältestes Bauwerk die Werkskapelle. Die alte Dreherei beherbergt heute das 2002 eröffnete Museum.

Das Eisenhüttenwerk wurde 1562 von Pankraz von Freyberg gegründet und zählte zu den größten Hüttenwerken in Süddeutschland. Aus Eisenerz und Holzkohle wurde Roheisen gewonnen. Das flüssige Eisen aus dem Hochofen ließ sich in Formen gießen. Die Eisenwerker machten daraus Schmiedeeisen, aus dem dann vielfältige Gebrauchsgegenstände geformt werden konnten. Solange Eisen mit Holzkohle erschmolzen wurde, war das frühe Eisenhüttenwerk ein optimaler Standort. Der technische Fortschritt veränderte jedoch seit dem 18. Jahrhundert die Eisengewinnung: Koks verdrängte die Holzkohle. Mit den viel produktiveren englischen Eisenhütten konnte die Maxhütte nicht konkurrieren, der Herantransport von Koks war nicht rentabel. So wurde aus der Eisenhütte ab 1880 eine Gusswarenfabrik. Die Produk tionspalette war breit: Balkongeländer, Zahnräder, Heiligenfiguren, Grabkreuze, auch Gipfelkreuze (z. B. auf dem Hochfelln) und, ja auch Granaten im Ersten Weltkrieg. Um 1900 bezeichnete sich die Maxhütte als Eisengießerei und Maschinenfabrik, wobei die Gießerei die Grundlage für den Maschinenbau bildete. Zu den wichtigsten Produkten gehörten Holzbearbeitungsmaschinen - zwei große Sägegatter sind Ausstellungsstücke des Museums - und zuletzt auch Baufahrzeuge, vor allem kleinere und mittlere Straßenwalzen, die bis nach Indonesien exportiert wurden. Aber in der Weltwirtschaftskrise sank die Nachfrage rasch ab und der bayerische Staat als Eigentümer beschloss 1932 das Werk zu schließen, obwohl es "schwarze Zahlen" schrieb - eine 370 Jahre währende Geschichte ging zu Ende.

An diesem engen, schattigen Talort arbeiteten bis zu 300 Personen* als Knappen, Hüttenarbeiter, Holz- und Kohlenarbeiter, Zimmererleute, Maurer und viele Taglöhner und lebten bis zu 100 Arbeiter mit ihren Familien. Die anderen mussten bis zu zwei Stunden Gehweg und mehr zurücklegen, um zur Arbeit in die Maxhütte zu kommen. Neben verschiedenen Sozialleistungen wurden auch vergleichsweise gute Löhne gezahlt. Im späten 19. Jahrhundert lag der Tageslohn im Durchschnitt bei 4,00 Mark. Die noch heute bestehenden und -nach Modernisierung- weiterhin bewohnten Wohnblöcke entstanden als "sozialer Wohnungsbau" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im so genannten Schlackenhaus, erbaut aus der Hochofenschlacke, ist eine Zweizimmerwohnung für eine Arbeiterfamilie im Originalzustand als Teil des Museums erhalten.

Für die Führung wird normalerweise eine Stunde veranschlagt. Aber hier traf eine interessierte und für die Arbeitersache aufgeschlossene Gruppe von Lehrergewerkschaftern auf eine kompetente, mit Kopf und Herz engagierte Führerin, Monika Berlitz, die stark im Förderverein tätig und nebenbei Vorsitzende der Bergener SPD ist. Zwischen ihr und und uns Besuchern herrschte ein ideeller Gleichklang, und so dauerte die Führung fast drei Stunden, mit Ausblicken in die aktuelle Gemeindepolitik. So blieb dem Kreisvorsitzenden Andreas Salomon nur übrig, Monika Berlitz für die ungewöhnlich lange und profunde Führung zu danken.

Ironie des Zufalls? - Eine Zugereiste aus Frankfurt hilft mit, dass ein heimatliches Industriedenkmal vor dem Verfall und dem Vergessen gerettet wird, was einem konservativen bäuerlichen Milieu vielleicht früher gar nicht so unrecht gewesen wäre**. Denn gab es in Bergen eine Arbeiterbewegung? Bergen galt als "rotes Dorf", Sozialdemokraten und Gewerkschaft fanden bei den "Maxhüttlern" viele Anhänger. Sie prägten stark das Vereinsleben im Dorf und hatten eine eigene Feuerwehr und gründeten den Turn- und Sportverein. Über den Ort hinausgehende Spuren sind nicht bekannt. Dass es nach der De-Industri alisierung und in einem heutigen Hauptort des Tourismus mit der üblichen Traditionspflege einen im Gemeinderat vertretenen SPD-Ortsverein gibt in einer ansonsten schwarzen Diaspora, mag eine Spät folge frühindustrieller Formierung von proletarischen Kernen sein.

Anders als in der Einladung angekündigt und auf Empfehlung von Monika Berlitz kehrte die Gruppe ins Gasthaus Zur Post auf dem Dorfplatz zu einem späten Mittagessen ein, nicht ohne zuvor die 1863 bis 1868 errichtete neugotische Ägidiuskirche besichtigt zu haben.

*Nach Kompass Wanderbuch Nr. 921 "Chiemgau Bayer. Inntal", 2. Aufl. 1985, Starnberg:Fleischmann, S. 19 waren in der Maxhütte in der Blütezeit um 1750 etwa 750 Arbeiter beschäftigt. ** so heißt es in Paul Mayer, Nikolai Molodovsky: Chiemgau; 6. Aufl. 1985, Freilassing: Pannonia, S. 26: "Das Schmelzhütten- und Gußwerk ... ist heute größtenteils geschleift." (Original-Orthographie)